Es ist schwierig zu sagen, was es bedeutet das Landleben aufzulösen, Sicherheiten abzugeben um mit der See zu leben - die Leinen zu lösen und ankommen, indem ich auf Reise gehe. Ist es das Farbenspiel des Lichtes, das die See immer wieder neu und zauberhaft koloriert, ist es das manchmal tänzerische Spiel der Wellen oder die Ehrfurcht gebietende Kraft sich brechender Seen? Ist es die Ahnung von der Unendlichkeit des Sternenhimmels oder die Ästhetik des leeren Raumes - die See fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

 Donnerstag, 18. Juli 1996 - Mädchen und ich sind wieder zu einer Einhandreise ausgelaufen. Heute früh um 08.00 Uhr gingen in Brest/Frankreich die Leinen los. Das ablaufende Wasser brachte uns der freien See entgegen. Strahlend blauer Himmel, eine leichte Brise aus Nordwest und einige Traditionssegler begleiteten uns. Es grüßten die Leuchttürme  Le Petit Minou und La Parquette. Alles ging ganz einfach. Die Leuchttürme und Seezeichen waren leicht identifizierbar. Ganz anders war dies bei der Ankunft vor sieben Tagen. Fast auf die Stunde genau hat sich alles so abgespielt wie bei der Beendigung meiner Einhandreise 1990. Eine Nachtansteuerung und Nebel, der erst in der engen Durchfahrt des Goulet aufging. Ein wesentlicher Unterschied: Wolfgang war mit an Bord gewesen. Unsere Navigation und Ansteuerung hatte sauber gepasst und ähnlich wie 1990 machen wir um 03.00 morgens im Yachthafen fest.

 All dies ging mir durch den Kopf, während Mädchen zielstrebig dem offenen Wasser entgegen segelte, freundlich unterstützt von einem mit drei Knoten schiebenden Strom. Noch vor Sonnenuntergang lag die Ile de Sein und die 100-Meter-Tiefen-Linie im Kielwasser - der Atlantik hatte uns wieder. Mäßige Winde aus Nordwest bis Nord sorgten für eine angenehme Überfahrt über die Biskaya. Bei Kap Finisterre, das wir zirka 30 Seemeilen im Westen liegen ließen, wurde es gar schwachwindig. Auf der Höhe von Vigo setzten dann steife bis stürmische Winde aus Nordost ein und sorgten für eine zügige Fahrt bis Lissabon. So ganz ohne Prüfung waren wir also doch nicht durchgekommen. Und dann standen wir drei Seemeilen vor dem Leuchtturm Cabo Raso und hatten noch keine Sicht auf die ihn umgrenzenden hohen Felsen. Erst nachdem wir einen Gürtel von Seenebel durchquert hatten, lag der Rio Tejo und Lissabon im glitzernden Licht der Nachmittagssonne vor uns.

Lissabon

Diese Ansteuerung war wie ein Glas Champagner trinken. Es ist einfach kribbelnd und schön diese traditionsreiche Hauptstadt und wichtigsten Hafen Portugals anzulaufen. Es grüßen das Fort Sao Juliao, das Seefahrer- und Entdeckerdenkmal Padrao dos Descobrimentos und die Christusstatue. Mädchen findet einen Liegeplatz in dem kleinen Yachthafen unmittelbar neben dem Wahrzeichen der Stadt, dem im maurischen Stil gebauten Wachturm Belém. Vier Tage auf den Spuren der berühmten Seefahrer, eingehüllt in den Charme portugiesischer Lebensart und den Flair dieser Stadt mit ihren zahlreichen Museen und den Geschichte erzählenden Bauten. Aber auch eingefangen von dem heiteren Straßenleben, den unzähligen Straßenkneipen und liebenswerten Menschen.  Da ich nun einmal die Seeluft der Landhitze vorziehe, machen wir uns am Abend des 29. Juli mit dem auslaufenden Wasser auf den Weg. Kurs Südsüdwest.  

Kurs Teneriffa

 Die See empfängt uns mit frischen bis steifen Winden aus Nordnordwest. Es gibt nicht allzu viel zu kommentieren. Mädchen ist die 740 Seemeilen bis Sta Cruz/Teneriffa in der guten Zeit von 5 Tagen und 22 Stunden gesegelt und das vorwiegend nur mit Genua III  oder Genua IV. Mitunter hatte der Fockbaum eine recht ausgeprägte Biegung und Mädchens Bewegungen waren lebhaft bis heftig in der achterlich anrollenden See. Mit den Seen surfen ist eben auch wie Champagner trinken. Wir waren vielleicht etwas zu schnell gesegelt. Die beiden Schottwände machten mit sehr unschönen Geräuschen auf sich aufmerksam und mir Kopfzerbrechen. Da lasse ich mich doch nur zu gerne von den uns begleitenden Delphinen ablenken, die ihren Spaß an dem Spiel mit Mädchen haben. Am Vormittag des 4. August sichte ich die Nordostküste Teneriffas und kann bald Punta de Anaga und Punta de Antequera ausmachen. Obwohl ich weiß, dass an dieser Ecke ein Kapeffekt entsteht, ließ ich wieder einmal zu viel Segel stehen. Auf den letzten Seemeilen kam ich noch ganz schön in Bedrängnis und Mädchen legte sich in den Fallböen flach aufs Wasser.  

Sta Cruz Darsena Pescar  welch vertrauter Anblick und doch hatte sich einiges geändert. Die Einfahrt ist schmaler geworden, an der Innenseite der langen Außenmole ist am Süd-Ende eine Marina entstanden. An einem der Schwimmstege geht Mädchen für die nächsten 5 Wochen fest. Schön wieder hier zu sein. So richtig angekommen war ich allerdings erst, nachdem ich am Nachmittag des nächsten Tages auf der Plaza de Espana schwarzgerösteten cafe solo getrunken und eine Kanarische Coronas-Zigarette genossen hatte. Teneriffa im August ist heiß. Da hilft nur die Flucht in den Schatten des Kanarischen Kiefern- und Eukalyptus-Waldes “Bosque de la Esperanza” oder in die Höhen der Canadas del Teide. Einer meiner Lieblingsplätze ist der Punta del Teno, mit seinen zwei Leuchttürmen und einer kleinen, von Felsen gerahmten Bucht. Ich freute mich darüber, dass dieser Ort noch nicht vom Tourismus entdeckt zu sein scheint.  Es hätten sehr beschauliche Wochen auf der Insel werden können, wären da nicht die anstehenden Reparaturen gewesen. In der Achterpick bei 30 Grad im Schatten Polyester zu flexen um eine neue Verstrebung einzubauen ist nicht gerade Erholung. In der Kajüte wurden ebenfalls Unterzüge angebracht. So wechselten Ausflüge und gemütliche Stunden mit Freunden mit Arbeiten an Mädchen. Gegen Ende meines Aufenthalts fuhr Heinz Schneider unzählige Male nach Sta Cruz. Wir schleiften Proviant und Ersatzteile herbei. Ersatzteile nicht nur für mich, sondern auch für Georg, der mit seiner “Hornblower” in der Hafenbucht von Palmeira auf der Kapverdischen Insel Sal festlag. So wird Mädchen zum Postschiff um das Notwendige bei ihm abzuliefern.

 Als Postschiff zu den Kap Verden

 Am Nachmittag des 17. September 1996 setzte ich wieder Segel. Die Freunde riefen mir ihre guten Wünsche zu. Ich schluckte die Traurigkeit über den Abschied hinunter. Die erste Nacht auf See war vollkommen. An Steuerbord die schwarz-violette Silhouette Teneriffas mit dem Teide, neben dem eine schmale Mondsichel stand. Von Backbord die schwachen Umrisse von Gran Canaria. Wir segelten durch eine unter dem sanften Licht des Sternenhimmels schimmernde See. Ja, es war gut, wieder auszulaufen. Ein handiger Wind aus Nordost sorgte für zügige Fahrt. Trotz der vorangegangenen, durchfeierten Nacht keine Spur von Müdigkeit, sondern vielmehr die freudige Erwartung, was uns diese Seefahrt wohl wieder bringen wird.

 Die Prognose für die nächsten fünf Tage war gut. Es sollten uns Winde aus Nord bis Nordost zwischen vier Beaufort und sechs Beaufort begleiten. Das Gebiet bis zu den Kap Verden lag im Einfluss eines sich langsam Ost ausweitenden Hochs. Die innertropische Konvergenzzone sollte knapp südlich der Kap Verden liegen. Dem war auch so. Schönes Segeln unter strahlend blauem Himmel und vom sanften Licht der Sterne erhellte Nächte und dem einzigartigen Gefühl der grenzenlosen Weite des Horizonts. Delphine erfreuten uns mit ihren eleganten Sprüngen genauso wie aufgeschreckte Schwärme fliegender Fische, von denen leider so mancher an Deck von Mädchen landete. Am fünften Tag auf See war ich wohl zu übermütig. Trotz zunehmenden Windes ließ ich das Großsegel und Genua III stehen. Der Kurs wurde instabil und der Bullenstander verhinderte eine unfreiwillige Halse. Kurz vor Einbruch der Dämmerung der Kontrollgang. “Was macht da die Mutter und Unterlegscheibe an Deck? Diese Stärke gibt es auf Mädchen nur im Rigg”. Das passte ja!  Also Großsegel einholen und auf dem Großbaum festbinden. Der Gedanke, jetzt in den Mast steigen zu müssen war nicht besonders erbaulich. Ich hatte schon meinen Sicherungsgurt angelegt und wollte in den Mast entern, als mein Blick auf den Lümmelbeschlag des Großbaums fiel. Glück gehabt, dort fehlten Mutter und Scheibe. Erleichtert baute ich die Teile wieder zusammen und setzte einen Sicherungssplint. An Bord war alles wieder in Ordnung und ging seinen gewohnten Gang. Windstärke und Seegang nahmen zu, je weiter wir uns den Kapverdischen Inseln näherten. Die Bewegungen von Mädchen waren wieder heftiger. Befriedigt stellte ich fest, dass von der Schottwand keine hässlichen Geräusche mehr kamen; die Arbeiten hatten sich gelohnt. Ab dem frühen Morgen des 25. September steuerte ich Mädchen selbst. Wenn wir noch bei Tageslicht in die Bucht von Palmeira einlaufen wollten, durfte unsere Geschwindigkeit nicht unter 6 Knoten fallen. Wir schafften es! Der Anker fiel mit dem letzten Licht. Backbord voraus lag die „Hornblower“. Drei weitere Yachten konnte ich ausmachen, wovon eine ebenfalls eine deutsche Flagge zeigte. Weitere Eindrücke verschob ich erst einmal auf den nächsten Tag. Dieser heiße, staubhaltige Wind, der über die Insel fegte, nahm mir fast den Atem. Kurz nachdem der Anker gefallen war, klopfte es an der Bordwand. Georg hieß mich mit einem Fisch willkommen.  Er hatte Pech gehabt. In der Bucht wurde er überfallen, überwältigt und zusammen mit seinem Schiff entführt. Georg konnte sich entfesseln und mit einem Sprung ins Wasser an Land retten. Wegen mangelnder Seemannschaft ging die Hornblower zwei Seemeilen vom Hafen entfernt auf einen Felsen. Beide hatten den Vorfall - wenn auch mit einigen Blessuren -gut überstanden.

 Vier Tage blieb ich in der Bucht und nahm das intakte, sensible soziale Gefüge dieses Hafen-0rtes in mir auf. Die wenigen Fischer und Schiffsleute leben in eingeschossigen kleinen Häusern. In vielen davon sind “Bars” oder es werden alle möglichen Dinge auf der Straße zum Verkauf angeboten. Das reicht von sorgfältig abgezählten Bonbons über vereinzelte Früchte bis zu gebrauchter Kleidung und Schuhen. Im Gemüseladen von Beleza gab es Kartoffeln, Bohnen, Zwiebeln und als Besonderheit Tomaten. Ich erstand zwei von den vorhandenen sechs. Trotz der bescheidenen Verhältnisse fiel die besondere Lebensfreude auf. Wir deutschen Segler wurden eingeladen: zum Essen, zu einem Punsch, einfach zum Zusammensitzen. Für die Kinder stellten unsere Dingis wunderbare Spielzeuge dar. Wenn wir damit zum Strand fuhren, erwarteten Sie uns schon, zogen die Boote auf den Sand hoch, bewachten sie oder wollten uns beim Wasserholen helfen. Jungs und vor allem Mädchen von sieben, acht Jahren, trugen wie selbstverständlich zehn Liter Wasserkanister auf dem Kopf. Sie konnten gar nicht verstehen, warum ich sie nur meine leeren Kanister tragen ließ. Tja das Wasser auf Sal! Es wird in einer Meerwasser-Entsalzungsanlage gewonnen und sollte eigentlich rein sein. Geholt wird es gegen Gebühr an der allgemeinen Wasserstelle. Die Segler Bärbel und Herbert hatten sich schon die Ruhr eingefangen. Unter diesen Umständen sah ich davon ab, meine Tanks zu füllen. Vielleicht war in Porto Furna auf Brava Gelegenheit  zum Wasser fassen. Dort lief ich am frühen Nachmittag des 1. Oktober ein. 140 Seemeilen, eine kurze Reise mit schlechten Sichtverhältnissen wegen des Staubfalls. Als Belohnung erwartete uns ein bezaubernder Naturhafen. Allerdings war mein Schlaf etwas unruhig, weil man wegen der rasch zunehmenden Wassertiefe unweit des Kiesstrandes ankern muss. Auch hier Menschen mit  offenen, wohlwollenden Charakteren. Auch hier ein ganz feines Gefühl für Geben und Nehmen. Der Fischer, dem ich am Morgen ein paar Zigaretten gegeben hatte, brachte mir am Abend den besten Fisch der Region. Bei der Polizeistation musste ich nur eben guten Tag sagen, damit waren alle Formalitäten erledigt. Dies war das Verdienst von Bärbel und Herbert, die ebenfalls hierher gesegelt waren und vor mir ankamen. Herbert spricht Creol und sein erster Gang an Land gilt immer einer Kneipe. Damit wusste das ganze Dorf bereits von der „Amiga“, die alleine mit ihrem Boot hier ankommen würde und nicht nur die Kinder besuchten mich - schwimmender Weise selbstverständlich. Wir Langstreckensegler halten uns für genügsam, aber die Menschen auf den zwei von mir besuchten Kap Verdischen Inseln, leben uns eine selbstverständliche Genügsamkeit in Heiterkeit vor. Noch mehr Einschränkungen bringt das Ausbleiben von Regen, wenngleich diese Insel den Vorzug genießt, Süßwasserquellen zu haben. Es hatte, wie uns erzählt wurde, seit zwei Jahren nicht mehr geregnet. Diese Eindrücke rückten bei mir vieles zurecht. Ziemlich nachdenklich setzte ich am Morgen des 3. Oktober die Segel und machte mich auf die lange Reise nach Südafrika.  

Auf der Suche nach dem Südostpassat

 Tropische Konvergenz oder auch die Doldrums: bereits am dritten Tag nach unserem Auslaufen aus Furna waren wir mitten drin. Dieses Mal machten uns vor allem ungeheure Regenfälle und Gewitterfronten mit fauchenden Böen zu schaffen. Sie wurden unterbrochen von Zeiten mit allzu zaghaften Brisen und altem oder vorauslaufende Schwell. Unruhige Seefahrt mit wenig Schlaf dafür mit umso mehr Duschen und über 70 Liter reinsten Süßwassers für die Tanks. Eine Seite aus dem Tagebuch in dieser Region liest sich so: “Alles hat angefangen mit einem Regenbogen über großen, tief hängenden Cumulonimbuswolken. Der Himmel dahinter indifferent - grau in grau. Wir segelten noch unter der grossen Genua als die ersten Böen heranfauchten. Schnell wurde das Tuch gegen kleinere Vorsegel ausgetauscht. Die ganze Nacht ging es weiter nur mit Genua III. Die obere Himmelskuppel war klar und mit Sternen übersät - wie frisch gewaschen. Der halbvolle Mond brachte viel Helligkeit so dass ich mich gegen 03.00 in die Koje traute. Um 06.00 Uhr kam sie dann, diese Böe, sie war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war gerade mal 10 Minuten draußen um zu “wittern” als es losging. Wind und Regen peitschten die graue See. Puh, das war richtig kalt auf der Haut. Der Regen war bedeutend kälter als das Seewasser und die Böen trieben es so toll, dass ich die kleine Fock auch noch reffen musste. Eine Stunde dauerte der Spuk, dann verlor das Geschehen an Heftigkeit und Mädchen konnte unter ausgereffter Fock wieder einen vernünftigen Kurs halten. Um 18.00 Uhr desselben Tages geht wieder eine Regenböe durch, die ungeheuerlich war. Wir waren schon seit zwei Stunden auf diese bleierne, schwarze Wand zugefahren, die den Südsüdost-Himmel wie ein Bollwerk versperrte. Was sollten wir auch anderes tun. Wir sind in einer Böen-Linie und müssen die Sache hinter uns bringen. Unvermittelt dreht der Wind zu Südost und dann geht es los. Waagrecht peitschender Regen nimmt jede Sicht. Das Meer kocht. Dieser unerhörte Regen dämpft die Seen, bricht die Schaumkronen. Nach drei Stunden hatten wir auch diese Geschichte hinter uns. Mit einbrechender Nacht entlud sich am Nordwest-Horizont ein Gewitter, das drohend sein dumpfes Grollen zu uns schickte. Aber diese Sache hatte nichts mehr mit uns zu tun. Mädchen setzte ihre Fahrt fort. Etwas unruhig zunächst, bei dem zurückgebliebenen Schwell und dem nur noch leichten Wind. Der Wechsel zwischen flauen Winden aber weniger heftigen Regenfronten spielte sich noch einige Male ab. Allerdings hatten wir auf dieser Reise das Glück, dass es keine totale Flaute unter sengender Hitze gab. Dafür gab es wieder Besuch von einer kleinen Seeschwalbe, der diese Regengüsse vielleicht auch lästig waren. Jedenfalls schwebte sie geradezu in den Niedergang ein, wählte einen Schlafplatz und ließ sich in ihrer Nachtruhe durch nichts mehr stören.  

Es ist ja ein seltsames Spiel, diese Suche nach dem Südost Passat. Und wenn er dann da ist, dann schlagartig und meist mit einer Stärke, bei der das erste Reff ganz angebracht ist. Die Schoten wurden dicht geholt, gerade so, dass wir gute Fahrt am Wind machten. Schnell gewöhnte ich mich an den Ein-Bein-Abstemm-Kurs. Am 11. Oktober, auf 004°-45’ Nord und 23°-38’ W haben wir ihn zu fassen bekommen und am 14. Oktober querten wir auf 26°-16’ W die Linie. Routine und Gelassenheit prägten das Bordleben. Mädchen zog mit großer Beständigkeit ihre kleine, so vergängliche Furche ins Kielwasser. Die Tage gleichen sich, verflossen ineinander. Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Nur noch für das Mittagsbesteck - das ich trotz GPS an Bord mit dem Sextanten machte - gebrauchte ich die Uhr und für die Logbucheintragungen, die im Vier-Stunden-Rhythmus erfolgten. Das Barographenblatt verriet über Tage hinweg einen ungestörten normalen Tagesgang. Ich hatte viel Zeit um zu basteln, zu lesen oder zu schreiben.

  Zur Ilha da Trindade

Ab dem 23. Oktober begann der Wind zu raumen, drehte schließlich auf Ost und schobt Bewölkung heran. Ich hätte einen Kurs von 140 Grad anliegen können. Nein, das passte mir jetzt nicht in den Kram. Ich war schon bis auf 150 Seemeilen an die Ilha da Trindade herangekommen, nun wollte ich sie auch sehen. Ich hatte so das Gefühl, dieses Mal von dort aus eine Nachricht absetzen zu können. Also Schoten gefiert, Kurs Süd. Am frühen Vormittag des 24. Oktober tauchte die bekannte Silhouette am Horizont auf. Ich war zufrieden mit uns. In nur 22 Tagen haben wir 2.329 Seemeilen zurückgelegt. An Bord waren außer dem zerbrochenen Glas für die Petroleumlampe keine Schäden oder Verluste zu verzeichnen. Ich fühlte mich ausgesprochen gut und bei Sichtung der Insel geradezu in Hochstimmung. Am liebsten hätte ich sofort über UKW gerufen. Gemach, gemach, so leichtfertig geht man nicht mit der Kapazität der Batterien um. Erst als wir auf 10 Seemeilen an Il de Trindade herangesegelt waren, rief ich über Kanal 16. Und - es antwortete eine brasilianische 52-Fuß-Yacht, die für eine Nacht in der allerdings ungeschützten Bucht vor Anker lag. Ich schien besonderes Glück zu haben, die Crew von SY Guapos stand via Inmarsat in Verbindung mit der Welt. Es war kein Problem, ein Fax für mich aufzugeben. Ein ausgiebiger Austausch über das Woher und Wohin von beiden Seiten, ein letztes ‘have a safe trip’ und Mädchen setzte ihre Reise fort.  

Nasser Weg nach Kapstadt 

Kapstadt wartete zirka 3.200 Seemeilen im Südosten auf uns. Die Wind- und Wetterlage der nächsten zehn Tage verleiteten mich dazu, direkten Kurs auf Kapstadt zu fahren. Ich wusste genau, dass ich weiter Süd oder zumindest Südsüdost segeln sollte. Aber es war zu verlockend, schnell Ost zu machen, noch dazu bei ausgesprochen günstigen Bedingungen und Wind aus Nordost bis Nordwest zwischen 4 Beaufort und 6 Beaufort. Und prompt gerieten wir in die Falle. In der Nacht zum 3. November flaute der Wind immer mehr ab setzte dann aber mit einem Schlag aus Südost, gleich mit satten 7 Beaufort, ein. Zum Glück war ich im Cockpit und sah die weiße Linie auf dem Wasser. Es reichte gerade um die Segelfläche zu verkleinern. Vier Tage Starkwind ließen die See grob und hart werden. Ich bezahlte mit einer unbequemen, nassen Fahrt für meine Ungeduld und den Fehler, zu früh Weg nach Osten machen zu wollen. Für zwei Tage flaute der Wind etwas ab, sofort vergrößerte ich die Segelfläche, trieb Mädchen voran. Wir machten jetzt bevorzugt Weg nach Süd, auch wenn dabei ein Kurs nach Südsüdwest anlag. Andererseits wollte ich möglichst bald den Längengrad von Greenwich hinter uns bringen. Diese Region hatte ich noch in besonders unguter Erinnerung. Zu allem Überfluss machte Mädchen Wasser. Zu meinem Pflichten gehörte ab sofort, alle 4 Stunden zu lenzen. Ich vermutete, dass das Wasser über das Backborddeck eindrang, das wir ja genügend durchs Wasser zogen. Meine Dichtungsversuche mit einer auch bei Nässe abbindenden Dichtungsmasse hatten nur teilweise Erfolg. Ich konnte die undichte Stelle nicht eindeutig ausmachen, nur vermuten. Außerdem war es jetzt die vordere Schottwand, die anfing, sich geräuschvoll zu melden und in der ziemlichen Bewegung war. Zwei der unteren Befestigungsschrauben waren abgeschoren. Kein so gutes Gefühl, so nahe am Boden mit der Bohrmaschine neue Löcher zur Verschraubung zu setzen. Zumindest dieser Einsatz hatte Erfolg. Noch eine Misslichkeit hatte sich eingestellt. Kleine, etwa markstückgroße, quallenartigen Einzeller verhedderten sich in der Loge, setzten sie außer Gefecht. Bei der Häufigkeit des Verstopfens bekam ich Übung im Herausnehmen des Logge-Gebers. Und doch rollte mir einmal der Deckel zum Verschrauben der Öffnung einfach weg. Zu dumm, mit dem Ballen der linken Hand hielt ich das Rohr zu und nun war der rechte Arm zu kurz, um an den Deckel heranzukommen. Gerade jetzt fiel mir ein, dass sich unter meiner Hand die Öffnung im Schiffsrumpf abdichtete, unter der 5.000 Meter Wassertiefe lagen. Eine ausgesprochen komische Situation, fand ich. Bei der zweiten Übung ging alles glatt. Nur den Humor nicht verlieren. Schließlich sah unsere Lage ganz gut aus. Am 14. November flaute der Wind gar bis auf 2 Beaufort. ab.

 Ich nutze die Gelegenheit wieder einmal richtig zu kochen und Kleider zu trocknen. Dieser Tag bescherte mir auch noch ein Gespräch mit Kapitän Wernerlund von der „MS Frontstriver“. Das Telefax nach Stuttgart ging klar, unklar war mir jedoch die Wettvorhersage, die Kapitän Wernerlund mir durchsagte. Südost 30 Knoten, See 4 bis 5 Meter. Das hatten wir dann auch rechtzeitig zum Einbruch der Nacht. Diese Windstärken begleiteten uns mit leichten Variationen für die nächsten drei Tage. Wir konnten einen Kurs knapp zu Ost halten. Weiter südlich stand noch mehr Wind. Mir reichte dies hier schon. Als ich nach einem kurzen Stundenschlaf an Deck kam und Mädchen kontrollierte war ich doch erstaunt. Im stark gerefften Großsegel hing unübersehbar eine Qualle. Seit wann können die denn fliegen? Was hatte Mädchen da wohl während meines kurzen Schlafes getrieben? Dennoch, Rasmus war fair zu uns. Für die letzten sechs Tage unserer Reise schickte er Südwinde, wechselnd zwischen 4 Beaufort und 7 Beaufort. Zur Ansteuerung standen dann perfekte 4 Beaufort. aus Süd.

Unter dem Tafelberg 

Ein Bild wie es schöner nicht sein konnte: Noch bevor die Sonne hinter der Kimm verschwand tauchten im Osten das Küstengebirge "Die zwölf Apostel" auf und danach grüßte das Lichtermeer von Kapstadt. Kurz vor Mitternacht passierten wir die Außenmole und verfuhren uns erst mal in dem weitläufigen Hafenbecken. Port Controll - bei der ich uns angemeldet hatte - brachte uns wieder auf Kurs und ein Arbeitsschiff richtete seinen Suchscheinwerfer auf die in der Einfahrt zum Yachthafen liegende Ölsperre, die wir dank dieser Aufmerksamkeit achtsam umschifften. Das ist Kapstadt! In der ersten freien Box des RCYC gingen die Leinen fest. Alles Weitere würde sich morgen finden. Zumindest was die Anzahl der Steganlagen angeht, hatte sich hier einiges verändert.

Nun lagen wir wieder unter dem Tafelberg, die weltweit bekannte Landmarke für jeden Seefahrer. Kapstadt: das ist Afrika auf dem Green Market Square oder in einem Jazzcafes, das ist englische Tradition im Kompanie Garden, das ist internationales Shopping in der Waterfront am Hafen, das ist Lebensart beim sundowner mit einer Flasche Kapriesling auf dem Signal Hill und es ist Treffpunkt der Weltumsegler. Der Royal Cape Yacht Club nimmt die “Seenomaden” mit großer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft auf. Es ist ganz selbstverständlich, dass hier die Flaggen aus allen Erdteilen an den Yachten wehen. Es war ein schönes Gefühl, dass Mädchen und ich von vielen Clubmitgliedern wieder erkannt wurden. Das Wiedersehen wurde mehrfach in der „mens bar“ gefeiert, die inzwischen diesen Status eingebüßt hatte.

Die Aufhebung der Apartheid war in der Stadt sicht- und spürbar. Dennoch ist die Trennung zwischen Schwarz und Weiß noch immer ausgeprägt. Die Townships sind dafür eine beredtes Beispiel. Es sind Ansammlungen von Hütten aus unterschiedlichsten Material. Diese sind, was mich besonders befremdet hatte, mit Drahtzaun umgeben und mit Scheinwerfern ausgeleuchtet. Die Atmosphäre war unterschwellig angespannt. Es schien noch immer ein sehr hohes gegenseitiges Misstrauen zu bestehen. Ich habe Südafrikaner erlebt, die den Wandel als Chance für dieses Land begreifen, aber auch skeptische Stimmen waren zu vernehmen. Hoffentlich ist Nelson Mandela ein langes Leben beschieden; er ist die Integrationsfigur in diesem Land.

Diese Stadt ist wirklich aufregend genug. Aber für mich hielt sie noch mehr Überraschungen bereit. Ein Arbeiter, den ich engagiert hatte, erleichterte die Bordkasse um über tausend US Dollar. So hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, die Polizei einschalten zu dürfen. Diese ganze Aktion führte zwar zu einer Verhaftung aber mein Geld (und vermutlich noch anderes) waren längst in Form von Drogen auf einem Katamaran unterwegs ums Kap. In Durban legte der Zoll die Yacht mit der verbotenen Fracht an die Kette. Bei der Wahl der weiteren Arbeiter, die mir bei den Reparaturen halfen, war ich dann nicht mehr ganz so gutgläubig. Eine wesentlich angenehme Überraschung war die Einladung zu einem offiziellen Empfang des deutschen Botschafters. Er lud auf die „Gorch Fock“ ein! Das Segelschulschiff der Marine machte auf einer Weltreise zur gleichen Zeit hier Halt. Dieses stolze Schiff und seine Mannschaft waren während ihres Aufenthalts Anziehungspunkt für viele Südafrikaner und eindrucksvoller Repräsentant Deutschlands. Selbstverständlich wurden beim Auslaufen bereits im Außenhafen die Segel gesetzt. Ein überwältigender Anblick, der das Herz schneller schlagen lässt.

Diese zwei Monate in Kapstadt waren ausgesprochen turbulent. Zum einen mussten wichtige Arbeiten am Laminat und normale Überholungsarbeiten an Mädchen ausgeführt werden. Zum anderen füllte sich der Yachthafen immer mehr mit den von Osten kommenden Weltumseglern und es brauchte eben seine Zeit, bis man alte Freunde begrüßt und neue Freundschaften geschlossen hatte. Hinzu kamen Ausflüge in das Weinbaugebiet, Langustenfischen in der False Bay und nicht zu vergessen die Abende, oder besser Nächte im Watneys, dem älteste Pub Kapstadts. Die frühe Morgenstunde zu dem wir es verließen passte dann genau, um im Supermarkt das Frühstück einzukaufen (24 hours open). Aber irgendwann konnten mich auch die besten Freunde und die interessantesten Erlebnisse nicht mehr halten. Sobald Mädchen wieder im Wasser war, wurde in kürzester Zeit ausgerüstet und wir machten uns wieder auf den Weg.

Der große Meister „Natur“

Am späten Nachmittag des 21. Januar fegte uns ein kräftiger Südost aus der Tablebay vorbei an Robben Island in den Südatlantik. Unser Kurs war nach St. Helena abgesteckt und verlief entsprechend der Loxodrome. Das Wettergeschehen gestaltete sich sehr wechselhaft. Es verlangte oft meinen vollen Einsatz. Mal Schwachwind und Nieselregen mal Böen, die mich zu Reffaktionen zwangen.  Ziemlich lange stand auch ein äußerst unangenehmer Schwell aus Südwest und ließ Mädchens Bewegungen heftig werden. Warum dies so war, erfuhr ich von Klaus über Funk. Eigentlich sollten wir nach vier Tagen Fahrt den SE-Passat erreicht haben - war aber nicht. An der Ostküste Südafrikas toben sich zwei tropische Stürme aus, die normale Zugrichtung der von West nach Ost wandernden Tiefs war gehemmt, die normale Wetterlage gestört. Die Meldung von Kapstadt Radio in den Warnnachrichten, dass eine Yacht auf 34-27 Grad Süd und 001-46 Ost entmastet von einem Fischerboot gefunden und in Schlepp genommen wurde, trug wenig zur Stimmungsaufhellung bei. Das war die eine Seite der Seefahrt. Die andere Seite waren wunderschöne Natureindrücke. Dazu erzählt mein Tagebuch: “Eine dunkle Wolkenwand ist durchgezogen, die zunächst den gesamten Himmel bedeckte und alles Licht aufsog. Langsam hob sich im Westen die Wolkenschicht an. Ein goldgelber Streifen, der im oberen Teil ins Türkis überging leuchtete auf. Der Himmel reinigte sich etwa zur Hälfte. Im Osten verschmolz das bleierne Grau des Himmels mit dem Meer. Es war kein Horizont mehr zu sehen. Langsam tauchten die schwarzen Wolken am Osthorizont unter. Ihr oberer Saum strahlt im Südosten mit einem Mal hell auf und dann trat in sattem Gelb der noch fast volle Mond hervor. In der oberen Kuppel des Himmels stand Orion umgeben von tausend anderen glitzernden Sternen. Derweil zog am Westhimmel die nächste Wolkenbank auf. Der große Meister Natur begann ein neues Bild zu malen”. 

Ab dem 30. Januar und 25 Grad Süd setze sich dann der Passat durch, zunächst zögerlich noch, dann mit einer gewissen Beständigkeit und Windstärken zwischen drei und fünf Beaufort. Blauer Himmel, weiße Wattebauschwolken und eine tiefblaue im Sonnenlicht glitzernde See. Der erste fliegende Fisch verirrte sich an Deck: wir waren also wieder in den Tropen, oder zumindest in den Subtropen. Es folgten Tage und Nächte in denen Segeln zum Schweben wurde. Wo es schien, dass alle Kräfte aufgehoben sind und Mädchen im Rhythmus mit der See und den Winden war. Diese oft nur kurze Dauer währenden Höhepunkte der vollkommenen Harmonie sind es, für die ich so manche Unbill in Kauf nehme.

Natürlich gab es während der 16 Tage unserer Reise nach St. Helena auch Unannehmlichkeiten;  ich habe sie aber inzwischen alle vergessen. Jedenfalls liefen wir wohlbehalten am 6. Februar in die James Bay von St. Helena ein. Die Insel steht unter britischer Verwaltung und es schien mir angebracht, unser Kommen über UKW zu melden. Meine ETA hatte ich für 16.00 lokaler Zeit angegeben und mit etwas Sportsgeist war es mir gelungen, genau diesen Zeitpunkt einzuhalten. “You are in time”, war der Kommentar des Zollbeamten, was ich als Kompliment auffassen durfte. Der Ankerplatz wurde zugewiesen und das Boottaxi half beim Ausbringen des zweiten Ankers. Hier sind Bug- und Heckanker ein Muss und man liegt in dieser Bucht grundsätzlich quer zur Dünung. Das ständige Rollen war mitunter schon unbequem. 

St. Helena 

St. Helena eine nur 122 Quadratkilometer große Insel mitten im Südatlantik  (15-55 Süd, 005-43 W). Geprägt ist sie von steilen Felshängen und berühmt geworden durch die Verbannung Napoleons nach seiner Niederlage von Waterloo. In der Tat nur alle sechs Wochen kommt ein Schiff aus Südafrika, um Lebensmittel und andere Güter zu bringen und die Post mitzunehmen. Die Berufsschiffahrt ankert ebenfalls in der Bay und die Waren müssen mit Leichtern an Land geschafft werden. Wen wundert es da, dass Zeit auf dieser Insel eine relative Größe ist. Besonders dann, wenn das internationale Seglervolk in der Traditionskneipe “Anne’s Place” zusammensitzt. Flaggen und Stander aus aller Welt und wohl gehütete Gästebücher, deren Eintragungen von unzähligen Reisen mehr oder weniger berühmter Segler erzählen, weisen diesen Ort als Treffpunkt der Langfahrtensegler aus. Wovon die Menschen dieser Insel leben, konnte ich nicht so richtig ergründen. Fischfang ja, aber im kleineren Rahmen; der Gemüse- und Obstanbau deckt noch nicht einmal den Bedarf der Inselbewohner; Tourismus gibt es nur die wenigen Male, wenn ein Kreuzfahrtschiff hier für einen halben Tag vor Anker geht. Man war also unter sich und die wenigen Yachties waren wohlwollend aufgenommen. Diese Insel war echte Erholung Das Tauchen an dem in der Bay liegenden Wrack, des Dampfers “Pamanui”  war wegen der unzähligen und mir völlig fremden Fische, ein besonderes Vergnügen.

 Besuch der Meeresbewohner 

Fünf Tage Landkontakt reichten aus um meine Reiselust erneut zu wecken. Um günstige Strömungsverhältnisse zu nutzen legte ich den Kurs nach Salvador/Bahia zunächst etwas nördlicher als notwendig. Die Wetterlage der ersten acht Tagen desTörns überraschte mich ja nun doch. Starke und zum Teil steife Winde aus Südost, der Durchzog von Regenfronten und in verschiedenen Grautönen changierende Himmel. Dies sollte unser schnellster Törn der ganzen Reise werden. Mit Etmalen bis zu 155 Seemeilen schafften wir die Strecke von 2.134 Seemeilen nach Salvador in nur 16 Tagen und 22 Stunden. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen. Dabei blieb das Großsegel zu 90 Prozent am Baum fest beigezurrt; die Arbeit tat Genua IV oder Genua III. Sorgen machten mir allerdings die erneut und trotz der Aussteifungsarbeiten am Rumpf auftretenden Verwindungsgeräusche. Viel Freude bereiteten mir dagegen wieder die Meeresbewohner, allen voran die Delphine. Aber auch ein Hammerhai war für eine knappe Stunde Gast in unserem Kielwasser. Er kam immer wieder auf bis knapp hinter das Heck, drehte dann über Backbord ab, schwamm ein Stück zurück, um dann erneut im Kielwasser aufzukommen. Vermutlich hielt er das Ruderblatt der Selbststeueranlage für etwas Essbares. Eine Nacht lang war Mädchen Taxi für sieben schwarze Seevögel. Es dauerte ziemlich lange, bis der erste begriffen hatte, wie er am besten auf dem Großbaum landen konnte. Diese Erkenntnis gab er jedoch sogleich lautstark an seine Kollegen weiter. Ich weiß gar nicht wo sie herkamen; ich hatte sie zuvor nicht bemerkt. Es setzte ein richtiger Run auf Mädchen ein und die bereits gelandeten Vögel standen in Kommunikation mit den anfliegenden Artgenossen. So einfach war das nicht, auf dem sich ständig bewegenden Großbaum zu laden und die eigene Fluggeschwindigkeit der Fahrt von Mädchen anzupassen. Faszinierend wie diese Vögel die Situation genutzt haben. Noch vor Morgengrauen des nächsten Tages waren sie verschwunden, nicht so ihre Kleckse, die sie überall hinterlassen hatten. 

Unfreiwillig langer Aufenthalt 

Die Distanz zu Salvador schmolz schnell und die gewohnte Bordroutine, die immer auch Pflegearbeiten am Schiff beinhaltet, wurde kaum gestört. Erst als wir bereits auf 120 Seemeilen an die Küsten von Brasilien herangekommen waren, setzte der parallel zur Küste verlaufende Schiffsverkehr ein.  Eine Begegnung besonderer Art war die mit einem Großsegler. Er war von Kap Horn kommend unterwegs nach Recife/BR. Es gab einen ausgiebigen Plausch über UKW. Um zwei Uhr früh am 28. Februar standen wir dann fünfzehn Seemeilen östlich von Salvador und warteten darauf, dass es dämmerte und wir die Ansteuerung in die Bahia deTodos os Santos und den Hafen von Salvador fortsetzen konnten. Nach vor Mittag gingen dann die Leinen an einer Marina innerhalb des Hafens fest. Dort wehten neben brasilianischen, französischen, italienischen und englischen auch deutsche Flaggen. Innerhalb weniger Stunden konnte ich die Formalitäten bei der Fremdenpolizei, dem Zoll und der Hafenbehörde erledigen. Mit umwerfendem Charme und Entgegenkommen wurde ich von den brasilianischen Behördenvertreter bedient. Beim Zoll gab es gar zuerst einen Café solo und eine Zigarette bevor wir uns den Formularen zuwandten. Nun war ich erst recht gespannt auf diese Stadt und ihre Menschen. Über 230 Jahre  (bis 1763) war Salvador die Hauptstadt Brasiliens. In dieser Region mischten sich die Menschen verschiedener Länder und Kulturen, besonders geprägt durch den über Salvador laufenden Sklavenhandel. Es hat sich eine eigenständige afro-brasilianische Kultur entwickelt. Hör- und sichtbar in den fast nie verstummenden Rhythmen der Trommeln und dem Kampfsport-Tanz Capoeira. Vielleicht habe ich einen der Orixà bei der Candomblé (Geisterbeschwörung) am Samstagnacht auf dem Pelourinho verärgert. Jedenfalls glitt ich am nächsten Tag auf Deck aus und brach mir den Mittelfußknochen. Eine mitunter schwierige Zeit begann. Letztlich war ich acht Wochen auf Krücken und das bei tropischen Bedingungen. Mein Aktionsradius war erheblich eingeschränkt und ich konnte nur mit Freunden zusammen zu anderen Plätzen der Bucht segeln. Auf der kleinen Insel Tinhare, nahe dem Fischerdorf Morro de Sao Paulo fand ich bei dem von zwei deutschen Seglern geleiteten Yachtclub ein Ferienhäuschen. Dort freute ich mich über die Besuche der Pinselohräffchen und der riesigen Falter, die durch den Raum flatterten oder beobachtete die Kolibris vor dem Fenster. Was so in den Mangrovenwäldern lebte, die das Flussdelta säumten, entzog sich meinem Blick. Mit viel Unterstützung von deutschen Seglern und Freunden ging die etwas mühsame Zeit im Gips auch vorbei. Einen Tagestörn zurück nach Salvador habe ich mir dann nicht nur einhand, sondern auch mit Gipsbein zugemutet - nicht so empfehlenswert. Fünf Tage nachdem ich mich von dem Gips befreit hatte, gingen die Leinen wieder los. Ich hatte erst einmal  genug von den Tropen. Am frühen Abend des 26. April liefen wir mit ablaufenden Wasser aus.

 Hoch am Wind zu den Azoren

Unser Kurs zu den Azoren beschrieb eine Art “S”. Zunächst war ein Ostkurs angesagt, um uns von der brasilianischen Küste und den dort wehenden Nordwinden freizuhalten. Danach wählte ich einen gedachten Punkt in der Nähe der Insel Fernando de Noronha. Dann kam es darauf an, wie wir besten durch die Doldrums kamen und auf welcher Länge wir auf den Nordostpassat stießen. Ab diesem Zeitpunkt wurde es wieder nasses Segeln hoch am Wind. Ich habe diese 43 Tage Seefahrt als sehr abwechslungsreichen und Einsatz fordernden Törn empfunden. In den Doldrums begleiteten uns wieder schwere Regenfälle und Windstöße. Mit Einsetzen des Nordostpassat hatten wir Staubfall von der Sahara und während wir die letzten 500 Seemeilen zurücklegten, tobte sich dicht nördlich der Azoren ein Sturmtief aus, dessen Ausläufer wir zu spüren bekamen. Am Ende wurde es ein zähes Ringen um Weg nach Norden. Zu allem Überfluss schlug ich mich über zwanzig Tage mit einer Zahnvereiterung herum, die mich erheblich belastete. Der Gedanken, deswegen eventuell die Kap Verden anzulaufen, war mir nach meinen Erfahrungen mit der ärztlichen Kunst in Brasilien nicht angenehm. So blieb es bei dem Zielhafen Horta/Azoren, in den wir unter Segel einliefen. Der Motor verabschiedete sich zwei Seemeilen vor der Molenfeuer. Ich durfte die bereits geborgene Genua nochmals setzen. 

Horta die Hafenstadt der Azoren-Insel Faial ist nicht nur beliebter Zwischenstop der von der Karibik nach Europa bestimmten Segelyachten. Hier machten in früheren Zeiten bereits die amerikanischen Walfangschoner, die ersten Dampfschiffe und Piloten mit ihren Wasserflugzeugen fest.  Für uns Yachties fast wie ein Zuhause: das von Peters Vater 1918 gegründete Café Sport. Und ganz wie in alten Zeiten, fand ich dort einen Brief an mich an den Holzbalken über der Bar genagelt. Trotz Telefax und Email hat hier auch noch Tradition ihren Platz und Peter hat immer Zeit in den verschiedensten Sprachen mit seinen Gästen zu plaudern. Das ist wohltuend, denn der Ansturm der Yachten ist gegenüber meinem ersten Besuch dort enorm geworden. Die Szene hat etwas von ihrer Romantik verloren. Unter diesen Umständen sah ich davon ab, uns mit einem Bild an der neuen Kaimauer zu verewigen. Mädchen hatte nach einigen Tagen an der Mooring einen passenden Platz in der Marina gefunden, wo noch andere kleineren Yachten und Low-Budget Segler lagen. Sofort hatten wir Gemeinsamkeiten und eine davon war, das Basteln am Schiff.   Ablenkung, einen Pott Kaffee oder ein Essen gab es dann auf dem Boot, auf dem die geringste Unordnung herrschte.  Wir waren eine kleine internationale Gruppe, in der man sich mit Tipps, Handreichungen und kleinen Aufmerksamkeiten das Leben angenehm machte.

 last leg 

Am 3. Juli, nachdem hoffentlich das letzte Tiefdrucksystem durchgezogen war, liefen wir zu unserer letzten Teilstrecke aus. Ich hatte den perfekten Zeitpunkt und die richtige Route gewählt. Indem wir zuerst einen mehr nördlichen Kurs steuerten blieben wir von Schwachwinden verschont und hatten überwiegend beste Segelbedingungen mit vorwiegenden handigen Winden aus Südwest bis West. Erst im Westausgang des Englischen Kanals wurde es dann etwas rauer. Eine einigermaßen konfuse und steile See im Bereich des Kontinentalsockels und die spürbare Einwirkung des Gezeitenstromes verlangten Aufmerksamkeit und Konzentration. Ich segelte Mädchen ziemlich schnell und hielt so mit vier anderen, größeren Yachten mit. Ausgerechnet bei unserem morgendlichen Funktermin auf Kurzwelle stieg mir eine dieser verqueren Seen voll ins Cockpit und sprühte durch den schmalen Schlitz des vorsorglich  geschlossenen Niedergangs. In der Nacht zum 14. Juli kam der Blink des Leuchtturms Bishop Rock  auf den Scillies in Sicht. Am Vormittag des folgenden Tages passierten wir den berühmten Leuchtturm Lizard Point und am frühen Nachmittag liefen wir vorbei am Leuchtturm von St. Anthony Haed in den Naturhafen von Falmouth ein. Natürlich war der Segelplan in den GPS eingegeben, navigiert habe ich bei der guten Sicht mit den Karten und dem Reed’s im Cockpit. Den letzten Tag und die letzten Meilen bei strahlendem Sonnenschein und handigen Winden steuerte ich selbst. Dank Reed’s fanden wir schnell den kleinen Yachthafen für Besucher, wo um 14.00 Uhr die Leinen fest gingen. Damit endete unsere Einhand-Reise. Die deutsche Yacht Patria, mit der wir während der Reise in Funkkontakt standen, war wenige Stunden zuvor angekommen und hatte unser Einlaufen beobachtet. Und noch jemand verfolgte mit Freunde unsere Ankunft. Wolfgang war bereits da: er strahlte mich an und erkundigte sich sofort, wann am nächsten Tag unser gemeinsamer Rückführung-Törn beginnen solle. Zunächst lud jedoch der Skipper der "Patria" zu einem Empfangsdrink ein. Der erste toast galt meinen Schiff Mädchen, die trotz der inzwischen aufgetretenen  Schwachstellen wieder eine gute Reise gefahren hatte; 1.339 Seemeilen war sie in 10 Tagen und 22 Stunden gesegelt. Dieses Schiff, das mich nun schon über so viele Ozeane getragen und mitunter schwierige Situationen mit mir durch gestanden hat, lag ganz alltäglich im Hafen von Falmouth und wartete darauf, bis ich wieder auslief, um sie zurück in ihren Heimathafen nach Großenbrode zu bringen.  

Viele Geschichten dieser einjährigen Reise blieben in diesem Bericht unerwähnt: So das besondere Interesse einer Gruppe von Pilotwalen an Mädchen oder die Übernahme von Wasser von einem Containerschiff auf offener See. Auch über die Hilfe, die ich unterwegs durch Freunde und Fremde erfahren durfte und über die Unterstützung durch meine Familie und meinen Freundeskreis habe ich hier nichts gesagt. Dabei kann ich mir meine Unternehmungen ohne diesen Rückhalt nur schwer vorstellen. Danke!

 Gudrun Calligaro + SY Mädchen