Die Biskaya zu queren ist  und bleibt immer wieder eine Herausforderung. Wann immer ich dieses Seegebiet befahren habe, es zeigte sich stets anders aber jedes Mal als eine Prüfung an Seemannschaft und Ausdauer.

1984 trafen mein Segelkamerad Joachim und ich die Vorbereitungen für eine Reise von Brest nach Malaga. Wir fuhren diese Reise mit einer kleinen sehr sportlichen Yacht. Gerade einmal 7 Meter lang und 2,40 breit, ist sie ein anspruchsvolles Schiff  was Segeltechnik und Steuerkünste betrifft.

Warum diese Reise?  Darauf gibt Joachim der Skipper eine Antwort:

Der Himmel und die See sind eins geworden. Tiefe Dunkelheit und Sturm mit Stärke 9 aus Nordwest. Nur unter Sturmfock stampft die Yacht auf Nordkurs durch die schwere See. Immer wieder kommen Brecher über und das Schiff ächzt unter der Belastung. In mir stellt sich alles dagegen, ich sehe es als Kampf und mir ist nicht wohl dabei. Dies liegt nun Jahre zurück und ist schon fast vergessen, aber eben nur fast. So möchte ich die Biskaya nicht in Erinnerung behalten. Es lag bestimmt an mir selbst. Es lässt mich einfach nicht los. Ein Törn über die Biskaya an Portugal vorbei, durch die Straße von Gibraltar, bis Malaga. Ich glaube, dass ich jetzt gut genug dafür bin und die richtige Einstellung habe. Ich muss es tun. Mein Schiff ist über die Wintermonate auf das genaueste überprüft worden. Die für einen Non-Stop-Törn über zirka 1.500 Seemeilen notwendige nautische Literatur samt Seenotausrüstung und Navigationsgeräte mussten auf dem kleinen Schiff gestaut werden, außerdem Frischwasser und Proviant für zwei Wochen. Bei äußerster Einschränkung hat nur noch eine Zwei-Mann/Frau-Crew Platz. Ich bin froh darüber, dass Gudrun mitfährt, gemeinsam schaffen wir es.

Am Sonntag, den 15.07.1984 um 10.00 Uhr gingen die Leinen los. Vor uns liegen zirka 1.500 Seemeilen von Brest nach Malaga. Wir – Joachim und ich – wollen diese Strecke in vierzehn Tagen bewältigen. Vorausgegangen waren umfangreiche Kontroll- und Sicherungsarbeiten am Schiff, die Beschäftigung mit dem Seegebiet und den Wetterverhältnissen sowie der Transport der Sprinta-Sport von Stuttgart nach Brest zu Lande.

Die Biskaya zeigt sich handig mit einem bequemen Nordwind von 4 bis 6 Baufort. Die Ausfahrt aus dem Goulent hat landschaftlichen und navigatorischen Reiz. Wir haben die Südpassage gewährt. Vor der Il. De Sein kam es durch das Kentern des Stroms, der dann gegen Wind- und Wellenrichtung lief, zu einem Schauspiel der Wellen, die mich sehr an kochendes Wasser erinnert. Wir haben diese Erscheinung noch mehrfach erlebt, aber nie so ausgeprägt. Auszusteuern gibt es da nichts mehr. Die Leichtigkeit jedoch, mit der die Sprinta über die kreuz und quer laufende See geht, erfreute und beruhigte uns. Mit einer frischen Backstagsbrise – wechselnd zwischen 4 bis 6 Bft. Haben wir bis zum frühen Morgen des 16. Juli den Festlandsockel hinter uns gebracht und erleben die lange Atlantikdünung. Grosse Auswahl in der Wacheinteilung gibt es nicht: abends wird vereinbart, wer die erste Nachtwache geht und nach 4 Stunden wird gewechselt; tagsüber gibt es keine feste Einteilung am Ruder – wir wechseln je nach Neigung. Ständig beschäftigt sind wir jedoch immer. Die Backschaft ist sehr mühsam, denn alles, was man in den Händen hat, muss sofort wieder verstaut werden. Bei einem Regattaschiff muss man wohl auf so manches nützliche und annehmliche verzichten. Die Navigation geschieht auf einer Platte von 60 x 50  Zentimeter. Oft genug sammle ich die nicht gleich wieder verstauten Dreiecke, Zirkel und Karten vom Boden auf. Aber das ist nun wirklich nur eine Gewöhnungssache. In den ersten Tagen wird mir auch kein Segelwechsel zuviel und über 30 Stunden den Spinnacker zu fahren macht trotz der geforderten Konzentration am Ruder mächtig Spaß. Im Stillen habe ich mich schon über die glatte Überfahrt durch die Biskaya gefreut, als diese uns dann zeigt, so es lang geht.  In der Nacht vom Montag auf Dienstag haben wir den Spinnacker geborgen und wollen mit dem Setzen des Vorsegels den Morgen abwarten. Der Barograph schreibt einen ständig fallenden Luftdruck. Ab 0.00 Uhr des 17. Juli sinkt der Luftdruck um 1 Millibar pro Stunden. Das erste und kurz darauf das zweite Reff waren fällig. Die vorauslaufende See ließ noch mehr Wind erwarten.

Der steife Nordost bläst den Dunst am Horizont weg und nimmt stetig zu. Die See wird grob und schäumt weiß auf. Gegen Mittag liegen auf ihr Schaumstreifen in Windrichtung. Liberté surft auf den Wellen. Unser Generalkurs mit 210° am Kompass ist nicht mehr zu halten, denn der Wind dreht zu Ost. Die Geschwindigkeit  mit der wir die Welle hinterrauschen hinterlässt ein ungutes Gefühl. Noch lässt sich Liberté ohne großen Ruderdruck steuern und macht keine Anstalten quer zu schlagen.  Trotzdem höchste Zeit, das letzte Stück Großsegel auf  den Baum zu binden und die Sturmfock zu setzen. Ein winziges Vorschiff und ein Profilvorstag – das verlangt schon einiges an Geschicklichkeit. Der Segelwechsel ist dann doch ganz gut gelaufen, außer der Kleinigkeit, dass beim setzen der Sturmfock der Schäkel um Fall aufging und ich nochmals auf das Vorschiff turnen durfte. Ergebnis: 1. Fockfall ganz durchgezogen – 2. Fockfall im Einsatz – anders war das da vorne nicht in Ordnung zu bringen. Mit viel Geduld kann ich das wild umher schlagende und sich in den Wanten vertörnden Fockfall bis zum Masttop durchziehen und somit bändigen. Wir bereiten uns auf Sturm vor: Unter Deck wird der Stau geprüft und gesichert. Nochmals eine Positionsbestimmung mittels Funkpeilung. Der Niedergang wird fest verriegelt. Joachim und ich bleiben im Cockpit. Zu diesem Zeitpunkt stehen wir ca. 130 Seemeilen nördlich vom La Coruña. Der Luxusliner, der uns tags zuvor in einem Ukw-Funkgespräch Sturm für Kap Finisterre meldete, sollte Recht behalten.  Ab dem Nachmittag heulte der Wind über das Wasser, die See war aufgewühlt, jede Welle brach. Nach achtern zu schauen war eine Mutprobe. Die Seen gingen oft über die Saling des Mastes hinaus.  Die Leichtigkeit, mit der sich Liberté in den Wellen bewegte, gab uns dennoch Sicherheit. Kaum zu glauben, die sich brechenden Seen liefen schäumend unter dem Schiff durch.  Nur vereinzelt stiegt eine See von achtern ein, und dass Wasser lief rauschend aus dem offenen Spiegel zurück. Hatten wir jedoch zu weit angeluvt, trief die See den Kiel, es gibt einen unschönen Schlag und reichlich Wasser kommt über. Na ja, wer segelt denn auch schon ohne Srayhood über die Biskaya. Gegen 03.00 Uhr des nächsten Morgens hat der Sturm seinen Höhepunkt erreicht. Der Luftdruck ist um weitere 3 Millibar gefallen.

Windstärken zu schätzen ist immer so eine Sache, deshalb beschränke ich mich darauf die Umstände zu beschreiben: Das Heulen des Windes erschwert die Verständigung im Cockpit. Unter Deck ist es wegen der Resonanz des Rumpfes nicht auszuhalten. Der Lärm macht eine erneute Funkpeilung im Ergebnis höchst fragwürdig. Die Gischt beeinträchtigt die Sicht – auf der See sind immer mehr große weiße Schaumplatten zu sehen. Joachim hat jetzt wohl seine ganz private Auseinandersetzung mit der Biskaya. Er steuert Liberté jetzt seit acht Stunden und wird auch für die nächsten 4 Stunden das Ruder nicht aus der Hand geben. Westlich von uns werden Seenotraketen geschossen – noch sind es weiße Sterne. Wir vermuten sie von einer Yacht, die wir am vergangenen Tag noch auf Nordkurs gesehen haben. Möglicherweis musste sie auf Gegenkurs gehen und ebenfalls vor dem Wind ablaufen.

Es wird wenig geredet an Bord. Jeder hat mit sich selbst zu tun. Wir wissen, dass es jetzt auf unsere Konzentration ankommt – Fehler sind verboten. Dafür kommen die Flüche fast synchron  als zirka zwei Stunden später zwei Motorschiffe Kurz auf uns nehmen. Eines davon erfasst uns mit seinem Scheinwerferkegel. Ich werde ziemlich nervös, dieses Schiff ist viel zu nah und wir verschwinden immer wieder in den Wellentälern. „Man wir haben euch doch nicht gerufen, bleibt weg“.  Jetzt unseren Kurs zu ändern war nahezu unmöglich. Mit dem Scheinwerfer strahle ich Schiff und Segel an. In meiner Jackentasche steckt griffbereit eine weiße Seenotrakete, für den Fall, dass sich das eine Fahrzeug noch mehr nähert. Erleichtert registriere ich wie das Boot seinen Kurs ändert. In der sternklaren Nacht können wir die Fahrzeuge noch einige Mal aufblitzen sehen, die auf Distanz wie kleine arg gebeutelte Spielzeuge aussehen.  Sie halten Kurs in die Richtung, in der wir zuvor die weißen Signale gesehen haben.

Auch wir machen weiter. Unsere ganze Konzentration während der Dauer des Sturmes, der erst gegen Mittag des 18. Juli, dann aber rapide nachlässt, gilt dem Steuern und der Vorsorge, dass nirgendwo etwas schlägt oder scheuert. Die Ordnung und Disziplin an Bord ist vorbildlich und als absolut notwendig eingestuft. Das gute Seeverhalten der Sprinta gibt uns Sicherheit. Als ich im Morgengrauen das Ruder übernehme, rücken wir unseren Kurs wieder auf 190° zurecht – segeln fast quer zu den Seen. Geht doch und war auch notwendig – das Ablaufen vor dem Sturm hat uns zu weit nach West  versetzt. Macht nichts wir sind erst einmal durch das Schlimmste durch. (Wie wir später erfahren war ein Hitzetief über Spanien für diesen Sturm verantwortlich).

Irgendwann am späten Vormittag mache ich auf dem eigens für diese Reise von Joachim konstruierten voll kardanisch aufgehängtem Kocher Kartoffelsuppe heiß. Es ist die erste warme Malzeit seit Auslaufen aus Brest und das Beste, was ich je gegessen habe. Am Nachmittag schaukelt Liberté in der alten Dünung, das Großsegel schlägt unlustig in dem schwachen Südwind. Dafür ist das gesamte Cockpit mit zum Trockenen ausgelegen Kleidungsstücken dekoriert. Am Abend dieses Tages sind wir so weit an Kap Finisterre heran gekommen, dass war eine UKW-Funkverbindung herstellen können. Das Kap gibt sich sehr bedeckt und ist im Dunst kaum auszumachen.

 Fortsetzung folgt.