Ein kleiner Seemann hatte einmal einen Traum,
den Traum von Freundschaft und Liebe unter den Menschen,
der Traum von Achtung der Menschen untereinander,
den Traum vom Erkennen der Schönheit und der Vollkommenheit der Natur,
den Traum vom Erfassen der Dinge, die wichtig sind für die Menschen.

Als der kleine Seemann begann erwachsen zu werden, geschah etwas merkwürdiges. Es schien, als spräche er eine andere Sprache als die Menschen um ihn. Selten gelang es ihm zu vermitteln, dass er nur zufrieden und fröhlich leben wollte. Dass es dazu für ihn wichtig war zu staunen, aufzunehmen und den schönen Dingen Raum zu geben. Immer weniger Menschen hatten Verständnis für seine Gedanken und Fragen.  So versuchte er, wie die anderen zu sein. Dabei wurde er immer trauriger und wusste bald gar nicht mehr, was richtig für ihn war, denn nun bestimmten anderen, was er tat. Ihm war als wäre er zwei Menschen der, der tat was erwartet und verlangt wurde und der, der es verstand in seinen Träumen mit Tieren, Pflanzen und Dingen zu reden. Der kleine Seemann beschloss, wieder wie ein Kind zu werden. Er wollte seine Freude, seine Liebe, sein Glück, aber auch seine Bestürzung und seine Trauer leben und zeigen dürfen.
Oft saß er zu seinem Lieblingsplatz am äußersten Ende der Mole. Während der alte Leuchtturm seinen Lichtfinger über das Meer gleiten ließ, überlegte er, wie das wohl ginge: als Erwachsener wie ein Kind unter Erwachsenen zu leben. Eine helle, klare Stimme unterbrach sein Grübeln. Guten Abend! Rief ihm ein kleines Segelboot zu, das alleine und ohne Führung auf die Mole zuschipperte. Willst du mit mir reisen? Der kleine Seemann glaubte zu träumen und drückte mehrmals seine Augen zu. Das kleine Segelboot indes war ganz wirklich. Erneut frage ihn eine klare Stimme: Willst du mit mir kommen? Es gibt viele schöne Dinge zu entdecken, lass sie uns gemeinsam erleben. Der kleine Seemann kletterte zum Wasser hinunter und betrat zögernd das Schiffchen, das inzwischen sachte an der Mole angelegt hatte. Schüchtern befühlte er die Planken, den Mast und die Segel. Sein Herz klopfte laut, als sich seine Hände um das Steuerrad schlossen und sie dem offenen Meer entgegen segelten.

Es ist schön, dass du mir hilfst den Kurs zu halten, meinte das Schiffchen. Ich bin auf meinen langen Reisen etwas müde geworden.  Erst jetzt bemerkte der kleine Seemann, dass sein Gefährte, den er für so stark und schön hielt, einige Plessuren hatte. Eine Planke war eingedrückt, im Rumpf sicherte durch einen Riss Wasser ein. Und wenn der Wind die Segel aufblähte, waren auch dort kleine Löcher zu sehen. Muss man, um Schönes zu erleben, solche Wunden davontragen? Auf seine ängstliche Frage erhielt der kleine Seemann keine Antwort. Er spürte jedoch wie das Schiffchen als Dank für seine Aufmerksamkeit hurtig durch die Wellen glitt und das Meeresleuchten anlocke. Drei Schleppen aus Silber, in Luv und Lee und achteraus strahlten in geheimnisvollem Licht. Das Leuchten und Glitzern wiederholte sich in tausendfacher Weise am inzwischen aufgezogenen Sternenhimmel. Der Passatwind schob die beiden in schneller Fahrt nach Westen und wurde so heftig, dass das Schiffchen zu ächzen begann. Der kleine Seemann gab ihm kleinere Segel und bat den Wind, nicht so kraftvoll zu blasen. Er hatte Sorge, dass seinem Freund noch mehr Schaden zugefügt würde.

Sei unbesorgt, ertönte die tiefe Stimme des Windes. Ich habe zwar große Kraft, aber ich bin achtsam – ich trage euch voran, vertraut mir. Aber du hast auch schon Boote kaputtgedrückt! Entgegnete heftig der kleine Seemann. Beruhige dich, ertönte die Stimme des Windes, meine  Kraft muß nicht gefährlich sein. Unglück geschieht nur, wenn die Menschen sich gegen mich stemmen, mich glauben bändigen zu können. Wir Winde sind nicht zerstörerisch. Unser Los ist es, ständig die Erde zu umhasten, ruhelos und getrieben vom Zwang der Naturgesetze. Auf unseren Reisen begegnen wir Not, Hunger und Leid – diese Entwürdigung der Menschen brüllen wir dann hinaus und erscheinen ungestüm. Wir können uns aber auch freuen über Menschlichkeit, Liebe und Freundschaft. Dies besänftigt unser Toben und wir werden still. Du siehst, wir wenden unsere Kräfte nicht böswillig an. Richtet euch nach uns und es wird alles leichter gehen. Seht die Zeichnungen, die wir in den Himmel malen und ihr werdet verstehen, wie wir uns fühlen.

Der kleine Seemann hatte aufmerksam zugehört. Er spürte, dass es ihm manchmal ähnlich ging. „Sich nach der Natur richten“ murmelte er und schickte sich an, dem Schiffchen noch kleinere Segel zu geben. Danke! Sagte das Schiffchen. Du hast großen Druck von mir genommenr. Ich werde dich deshalb nicht langsamer vorantragen – im Gegenteil! Zu viel Belastung erdrückt und lähmt mich. Ich kann dann meine Energie nur noch für das Überleben einsetzen und nicht mehr empfinden, was um mich herum geschieht oder gar aus mir heraus handeln. Das Schiffchen hatte jetzt eine gewaltige Fahrt, denn nicht nur der Wind trieb es voran, sondern auch die Wellen, die von hinten anrollten. Der kleine Seemann, der zunächst sehr damit beschäftigt war, das ihm Gesagte zu begreifen, starrte entsetzt auf die sich auftürmenden Wellenberge. Sie trugen weiße Kronen und ließen die Gischt wie einen Schleier über ihren Kämmen wehen.

 
Nein, Nein schrie der kleine Seemann, seht doch, was ihr anrichtet!
Das Schiffchen wird ständig mit Wasser überspült. Es vibriert am ganzen Rumpf und stöhnt beim Eintauchen in die Wellen. Ihr macht mir Angst. Deine Furcht ist unbegründet – beschwichtigte ihn eine mächtige Welle, die das Schiffchen kraftvoll in die Höhe hob und es dann den Wellenberg hinunter rauschen ließ. Auch wir ziehen nur mit dem Wind um die Erde und wollen euch nichts Böses. Wir wollen euch erfreuen, mit euch spielen. Helfe dem Schiffchen wieder beim Steuern und fahre mit, nicht gegen uns. Verwirrt und aufgeregt darüber, dass das Meer zu ihm sprach, umklammerte der kleine Seemann das Steuerrad und versuchte das zu tun, was ihm Wind und Wellen geraten hatten. Sachte, mahnten die Wellen, als der kleine Seemann zu hart ins Ruder griff. Du sollest das Schiffchen nur in seiner Fahrt etwas unterstützen. Der kleine Seemann versuchte die Furcht und Aufregung abzuschütteln und das richtige für das Schiffchen zu tun. Er begriff, dass er den Gleichklang der rollenden Wasserberge erfühlen und in der Bewegung aufgehen musste, um eine Hilfe sein zu können. Als ihm dies gelang spürte er mit tiefer Freude, dass sie eine Verschwörung waren: das Schiffchen, der Wind die Wellen und er. Er fühlte sich als Teil eines ungeheueren Geschehens. Und auch jetzt erst sah er, mit welch wundervollen Farben sich das Meer kleidete und wie zauberhaft sich der Himmel schmückte.

 
Ein feiner Silberstreifen durchzog den Horizont, der Tag löst die
Nacht ab - noch waren beide gleichzeitig da. Mit großen Augen erlebt der kleine Seemann, wie sich der östliche Teil des Himmels lichtgelb färbt, die Sonne als strahlender Bogen erscheint und ihre belebenden Strahlen über das Wasser gleiten lässt. Die See nimmt, als wäre sie dankbar für die Wärme, froh Farbe und Stimmung auf und glitzert dem Morgen entgegen. Am westlichen Teil des Firmaments verabschiedet sich die Nacht mit dem immer blasser werdenden Mond. Die Dunkelheit beginnt sich aufzulösen. Auch das Meer unter diesem Teil des Himmels entgleitet der bleiernen Schwärze. Deine Sorgen waren unbegründet, meinte das Schiffchen. Hier draußen brauchst du nicht zu kämpfen, nimm einfach die Geschenke der Natur an – sie sind gut und richtig. Der kleine Seemann, der sich noch immer nicht von dem faszinierenden Schauspiel des Tag-Werdens lösen konnte, merkte gar nicht, wie er vor Müdigkeit auf der Steuerbank zusammengesunken war und ihm die Augen zufielen. Schlaf ruhig, flüsterte das Schiffchen, du wirst noch viele Sonnenaufgänge erleben und doch wird jeder einzig sein in seiner Art. Dieser heute war besonders schön, weil wir ihn gemeinsam erleben durften.

Das Schiffchen zog weiter nach Westen. Der Lauf der Wellen und der Stand der Sonne zeigten ihm die Richtung an. Einen Kompass wie andere Boote brauchte es nicht. Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, ging auch der Wind schlafen und die Wellen verwandelten sich in eine sachte Dünung. Auch das Schiffchen hatte nun Zeit auszuruhen. Es ließ sich sanft vom Meer schaukeln. Es begannen schöne Stunden und Tage. Die Sonne wärmte die Glieder des kleinen Seemanns und die Planken des Schiffchens. Das kleine Boot zog seine kleine, so vergängliche Furche in die inzwischen wieder fröhlich plätschernden Wellen. Verstehen und Harmonie begleiteten die weitere Fahrt.  Der kleine Seemann lernte auf seinen Reise noch vieles was geschah neu und anders zu sehen. Er war erfüllt von Freude und Ruhe und er fühlte sich stark genug wieder unter Menschen zu gehen. Er spürte den Wunsch, das Erlebte mitzuteilen. Der Abschied vom Schiffchen fiel ihm dennoch schwer. Und doch wusste er, dass irgendwo gerade jetzt ein Mensch von diesem Schiffchen und einer solchen Reise träumte. Die Wirklichkeit hatte den kleinen Seemann rasch wieder eingefangen und forderte ihn. Das äußeren Leben schien unverändert. Doch er erkannte in den Menschen um sich viele „kleine Seemänner“. Jeder mit seinem eigenen Traum und seinen Vorstellungen diesen in die Wirklichkeit zu holen.

Manches Mal ist es für den kleinen Seemann schwierig, seinen Weg durch die Wirren des Alltags zu finden. Und mitunter geschieht es, dass er an sich selbst und seinem Glauben zweifelt. Er geht jedoch unbeirrbar weiter. Mit wachen Augen und offenem Herz begegnen ihm viele kleine Wunder die er dankbar in sein Leben verwebt.